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Zwei Engel

Zwei Engel

 

Die Brücke schwang sich in einem gewaltigen Bogen über den großen Abgrund.  Schimmernd wie ein riesiger Regenbogen hing sie über der unermesslichen schwarzen Tiefe. Dabei machte sie einen so fragilen Eindruck, als könne sie im nächsten Moment unter ihrer eigenen Last zusammenbrechen. Jenseits des Abgrundes verschwand sie in einem fernen Licht, das in der Dunkelheit tanzte und vibrierte.

Die beiden Engel waren kaum zu sehen. Sie erschienen als zwei schwache Lichtsäulen, die hoch oben auf der Brücke wie Irrlichter in der Dunkelheit glommen. Dazu ist zu bemerken, dass Engel, wenn man sie überhaupt beschreiben kann, nicht jene Flügelwesen sind, als die sie die Menschen immer darstellen. Sie ähneln vielmehr Säulen aus farbigem Licht, einerseits wie Flammen, andererseits einem Regenbogen nicht unähnlich. Ihre Gesichter haben einen Ausdruck, den man fast menschlich nennen könnte. Aber es ist zwecklos, sie noch näher zu beschreiben, ihr Aussehen ändert sich sowieso ständig.

„Du solltest hier nicht hinuntersehen“, sagte die größere der Lichtgestalten soeben. „Was dort geschieht, ist nicht unsere Sache. Wir sollten ans andere Ende gehen.“

Die kleinere Lichtsäule flackerte bedenklich. „Es ist, es ist, ich finde keinen Ausdruck dafür, Raguel“, klagte der Engel.

„Das wundert mich nicht“, antwortete der große Engel. „Es ist dein erster Gang in die Welt der Sterblichen, wie solltest du ihre Dunkelheiten kennen oder gar Namen dafür haben?“  Nach kurzem Schweigen fügte er hinzu: „Das, was du fühlst, wenn du in die Tiefe siehst, nennen die Menschen Entsetzen.“

„Entsetzen“, wiederholte der kleine Engel und wandte sich zu Raguel zurück. „Das gefällt mir nicht, ich mag diese Empfindung ganz und gar nicht.“  Er verharrte mitten auf der Brücke und überlegte angestrengt.  „Das gefällt mir nicht“, wiederholte er. „So etwas habe ich noch nie gesagt, nicht wahr?“

„So ist es. Du wirst noch viele Dinge sehen und empfinden, die dir ganz und gar nicht gefallen, Amuel.  Sei nur aufmerksam, schau dir die Menschen an und höre ihnen zu, dann wirst du begreifen, in welch furchtbarer Not sie leben.“

Amuel schwieg. Er kämpfte mit all seinen widerstreitenden Empfindungen. Und dies verwirrte ihn so sehr, dass er keinen Ausdruck dafür finden konnte.

„Geh einfach weiter“, sagte Raguel sanft. „Komm mit zum anderen Ende. Dort wirst du viele Dinge verstehen lernen.“

 

Das Ende der Brücke lag im Zwielicht eines heraufdämmernden Morgens –  es war kalt und ein unangenehmer Wind blies geradewegs auf den Abgrund zu. Die beiden Engel spürten nichts von diesem Wind, wie sie auch sonst den Kräften der sterblichen Welt nicht ausgesetzt waren. Sie bewegten sich lautlos wie Lichtflecken in einem dunklen Wald, mühelos und ohne wirklich etwas zu berühren.

„Ist dies schon die Welt der Sterblichen?“, fragte Amuel flüsternd, kaum dass sie die Brücke verlassen hatten.

Raguel raunte noch leiser zurück: „Nein, dies ist das Land der Schatten, das Land dazwischen. Ihre Welt beginnt jenseits der großen Dunkelheit.“  Erst jetzt bemerkte Amuel die dunkle Wand, die sich nicht weit von ihnen erhob.  Sie zog sich vielleicht einhundert Schritte von ihnen entfernt parallel zu dem tiefen Abgrund hin und verlor sich rechts und links in der Ferne. Amuel mochte diese Wand nicht, er mochte sie noch viel weniger als den Abgrund und die Brücke und konnte sich doch die Heftigkeit seiner Empfindung  nicht erklären. 

„Die Menschen nennen dieses Dunkel das Land des Todes“, flüsterte Raguel weiter. „Sie fürchten es sehr, dabei sollten sie viel eher den großen Abgrund fürchten.“   Fürchten! Amuel hatte ein weiteres neues Wort vernommen, eines der vielen, die er noch lernen sollte.  Ehe er Raguel dies mitteilen konnte, fühlte er die Berührung des anderen. „Leise“, hauchte dieser. „Da kommt jemand“.

Aus der dunklen Wand traten zwei Sterbliche. Ein Mann und eine Frau gingen zögernd auf den Abgrund zu. Der Mann hatte ein scharf geschnittenes Gesicht unter einem fast weißen, wirren Haarschopf.  Seine hagere Gestalt überragte die Frau um eine ganze Kopfeslänge. Die Frau ging ein wenig gebeugt, ihre lockigen Haare wiesen hier und da graue Strähnen auf.

„So ist das also“,  sagte der Mann laut. „Das ist das ganze Geheimnis. Ein Abgrund!“

„Du hast es mit Absicht getan“, jammerte die Frau. „Das war kein Unfall, das war Absicht.“

Der Mann zog seinen Mund zu einem abstoßenden Grinsen zusammen. „Und wenn schon“, meinte er. „Wer weint uns noch eine Träne nach? Rasant gelebt und rasant gestorben, das ist meine Devise.“

„Du hattest kein Recht, das zu tun. Es war auch mein Leben, das du genommen hast.“

Der Mann wandte sich ab und schaute geradewegs in den Abgrund hinein. „Ich will nicht darüber diskutieren. Nicht hier und nicht jetzt. Mein Gott, hat dein Gerede denn noch nicht einmal nach dem Tod ein Ende?“

„Er ruft unseren Vater an!“, flüsterte Amuel. „Was hat das zu bedeuten?“  Doch Raguel schwieg, denn nun redete die Frau wieder.

„Nie hast du mir zugehört, nie! Alles hast du alleine entschieden. Weil du keine Kinder wolltest, durfte ich keine bekommen, weil du in dieser Villa  leben musstest, sind wir aufs Land gezogen, und jetzt..!“

„Hör auf! Hör doch endlich auf! Merkst du nicht, wie lächerlich das ist?  Wir sind drüben und du lamentierst nur.  Nur noch einen Schritt und es ist endlich ganz vorbei!“  Der Mann näherte sich dem Abgrund und blickte in die Tiefe.

„Du willst dort hinunter springen?“ Die Frau sah ihn entsetzt an. „Du willst dieses geschenkte Leben gleich wieder wegwerfen?“

„Was für ein Leben, meine Liebe? Das hier ist der Tod, hast du das nicht begriffen? Und ich spür das in meinen alten Knochen, wenn wir da hinunter springen, dann ist es endgültig aus.“  Seine Schuhspitzen ragten über den Abgrund, er wandte sich um und streckte seine Hand aus. „Komm schon, wer A sagt, muss auch B sagen.“  Die Frau schüttelte stumm den Kopf und rührte sich nicht.

„Sehen sie denn die Brücke nicht?“, flüsterte Amuel.  Raguel antwortete: „Ich fürchte, sie können sie nicht sehen.“  Er  glitt ein wenig zur Seite, dorthin, wo die Brücke begann.  Einen winzigen Moment lang leuchtete er auf und verschwamm dann wieder mit den Schatten.

Die Frau wandte ihren Kopf. Amuel hatte das Gefühl, sie starre geradewegs durch ihn hindurch. „Oh sieh nur, Kurt, sieh nur. Da ist eine Brücke!“

Ihr Mann drehte den Kopf und sah in die Richtung, die sie ihm wies.  „Du phantasierst“, spottete er. „Du hast mal wieder einen deiner besonderen Eindrücke. Glaub mir, da ist nichts!“

Die Frau weinte.  Amuel hatte Menschen an der großen Festtafel seiner Welt gesehen. Sie hatten niemals dergleichen getan. Fragend sah er zu Raguel hinüber, aber sein Begleiter schwieg beharrlich.

„Bitte, Kurt“, flehte die Frau. „Bitte, vertraue mir ein einziges Mal, wenn du es nicht sehen kannst! Komm an meine Hand, ich will mir dir hinüber gehen!“

Doch Kurt wich keinen Zentimeter vom Rand des Abgrundes. „So warst du immer, liebe Edith“, antwortete er. „Unrealistisch bis zur Lächerlichkeit.  Es ist doch psychologisch ganz verständlich, was du empfindest.  Du kannst diesen Abgrund nicht aushalten, wünschst dir eine andere Möglichkeit, und schon erblickst du eine Brücke. Sieh der Realität ins Auge, Edith! Lass uns in Würde diesen letzten Schritt gemeinsam tun, stark und aufrecht!“

„Wenn du sie nur sehen könntest!  Versuch es mir zuliebe, Kurt! Komm hierher zu mir und halte meine Hand fest!“

Doch ihr Mann wandte sich von ihr ab und sah in die Dunkelheit hinunter. „Das ist meine Art der Liebe“, widersprach er, „dir diese letzte Illusion zu nehmen. Komm her zu mir, oder ich gehe alleine.“

„Hier, angesichts des Todes, willst du mir wieder deinen Willen aufzwingen? Es ist unglaublich! Aber diesmal nicht, dieses eine Mal nicht. Komm her oder lass es bleiben!“

Ein verächtliches Lächeln erschien auf dem schmalen Gesicht des Mannes. „Ich hätte dir Würde geboten, aber jetzt bleibt dir nur deine lächerliche Illusion!“, sagte er und trat im nächsten Moment über den Rand.  Ganz lautlos versank er in der Tiefe, kein Schrei hallte empor, kein Aufschlag eines zerschmetterten Körpers war zu hören.

Edith starrte mit offenem Mund auf die leere Stelle, an der eben noch ihr Mann gestanden hatte. Ein Zittern lief durch ihren gebeugten Körper. Ganz langsam schob sie sich auf den Abgrund zu, doch plötzlich blieb sie stehen und rief laut: „Nein, Kurt, diesmal bekommst du deinen Willen nicht! Ich werde meinen Weg gehen!“

Sie wandte sich um und ging entschlossen auf die Brücke zu. Ohne Zögern setzte sie ihren Fuß auf das schimmernde Licht und sah weder rechts noch links, als sie mit raschem Schritt den Bogen empor schritt.

Raguel sah ihr nach und seufzte. „Wenigstens die Frau“, meinte er. „Es war nicht zu erwarten, dass der Mann es noch schafft, einen neuen Blick zu bekommen.“

Amuel  musste ganz dringend eine Frage stellen.  „Er wird es das nächste Mal doch besser machen, oder?“

Raguel wandte sich ihm zu und berührte ihn sanft.  „Was ich dir nun sage, ist für uns sehr schwer zu begreifen, Amuel. Es gibt für ihn keine nächstes Mal.  Es gibt nur diese eine Geschichte und sie ist vorbei.“

Amuel versuchte, den Sinn seiner Worte zu erfassen, aber es gelang ihm nicht. Sein Licht flackerte wieder bedrohlich.

„Du musst wissen, dass diese Brücke in eine Welt führt, die zwar auch eine Welt unseres Vaters ist, in der aber andere Gesetze herrschen. Sie ist der Zeit unterworfen. Das Wort Zeit bedeutet, dass alles nacheinander geschieht, nicht ineinander wie bei uns.“

Amuel suchte mühsam nach den richtigen Worten. „Aber ich verstehe nicht“, sagte er mit einige Mühe, „man kann doch immer alles wiederholen. Wenn alles nur einmal geschähe, wäre das, das wäre...“

„Furchtbar, furcht-bar ist das Wort, das hier passt. Und so ist es, Amuel, furchtbar. Seit wir diese Brücke verlassen haben, sind wir in der Sphäre von Zeit und Vergänglichkeit. Dieses letzte Wort bedeutet, dass alles, was geschehen ist, nicht noch einmal geschieht. “

„Aber dann gäbe es ja Dinge, die, die ...“ Amuel Stimme brach ab, denn er kannte keine Worte für das, was er ausdrücken wollte.

„Dinge, die verschwinden, die aufhören, ja.  Das eben ist Vergänglichkeit. In diesem Land der Schatten ist alles vergänglich, Amuel. Jede Freude, jedes friedvolle Miteinander, jedes Fest  - alles hat ein Ende in dieser Welt. Alles ist einmal vorbei!“

Der kleine Engel schien noch ein wenig dünner zu werden, er zog sich in sich zusammen und war nur noch ein dünner Lichtstrich, während Raguel nun einer schimmernden Säule glich.

„Warum ist so etwas erschaffen worden?“, fragte er, „warum ist es nicht so wie bei uns?“

Raguel seufzte. Das war ein Laut, den Amuel noch nie vernommen hatte und er wandte sich erschrocken zu seinem Begleiter um.

„Was haben sie dir nur auf der Botenschule beigebracht?“, fragte Raguel streng. „Weißt du denn gar nichts über die gefallene Welt und ihren Herrscher?“

Amuels Lichtsäule wurde ein wenig rot. „Ich, ich habe das alles für eine spannende Geschichte gehalten, so wie die Geschichten über andere Welten, die wir uns ausdenken..“

„Dies hier ist Realität“, sagte Raguel. „Diese Welt hier ist nicht weniger wirklich als der Himmel.“  Amuel begriff endlich ein wenig und was er nun fühlte, war die unendlich tiefe Traurigkeit dieser Welt.

 

Sie näherten sich der dunklen Wand. Amuel bemerkte ein steigendes Entsetzen wie eine dunkle Decke, die sich auf seine Gedanken und Empfindungen legte und alles erstickte.  Er war nur noch ein Strich seiner selbst und fühlte sich am Ende seiner Kräfte.

Raguel wartete am Rande des Dunkels geduldig auf ihn.  „Es ist beim ersten Mal immer so“, versuchte er den kleinen Boten zu trösten. „Diese Todesdunkelheit ist  das Land unserer Feinde.  Aber sie haben keine Macht über uns, wenn wir daran denken, wer wir sind und woher wir kommen. Hörst du, Amuel, denke immer an das Fest, von dem wir kommen! Denke an unseren Vater, mal dir das Bild des Himmels vor Augen, dann geschieht dir nichts. Und nun komm.“

Raguel schritt in die Wand aus Finsternis hinein, so als existiere sie nicht. Amuel blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.  Der erste Moment der Berührung war der furchtbarste. Noch niemals war er mit etwas in Berührung gekommen, das offensichtlich nicht von seinem Vater geschaffen war. Dunkelheit, Finsternis, erstickende Schatten. Doch diese Schatten wichen vor seinem Licht zurück, rings um ihn her wanderte eine Höhle aus Licht mit ihm.

„Wieso nimmst du an, dass dies nicht dein Vater geschaffen hat?“ Amuel drehte sich um. Wer hatte da gesprochen? Doch da war niemand hinter ihm.

„Denk doch einmal nach. Es gibt so viele Dinge, die dir ganz unbekannt sind. Was weißt du schon von deinem Vater, was weißt du von dieser Welt? Die Finsternis, der Abgrund, das Entsetzen. All das hat er auch geschaffen. Alles eben, nicht wahr?“

Woher kam diese Stimme? Wer hatte solche Gedanken?

„Nein“, rief er in die Finsternis, „das hat er nicht getan. Bei ihm ist nichts Böses und nichts Unvollkommenes.“

„Botenschule, erste Klasse“, sagte die Stimme in ihm. „Aber jetzt kommen die schwierigeren Lektionen. Ja, ja, ER ist die Liebe, nicht wahr. Aber ER lässt auch Menschen in den Abgrund stürzen, unwiderruflich. Viele Seiner Boten durften nicht zurückkehren, wusstest du das nicht? Auch du wirst niemals zurückkehren, kleiner Bote.“ Die Stimme lachte leise.

Amuel packte eine Entsetzen, das stärker war als alle Gefühle, die er jemals erlebt hatte. Er wandte sich um und wusste sogleich nicht mehr, wo vorne und hinten war. „Niemals, niemals“, dröhnte die Stimme inmitten der Finsternis.  Plötzlich war Raguel da. Sein Licht verschmolz mit seinem Licht und seine Stimme flüsterte: „Erinnere dich, Amuel, erinnere dich an das Fest!“

Es fiel Amuel merkwürdig schwer, sich den Himmel vorzustellen. Die endlos lange Festtafel, der ausgelassene Gesang, die Gespräche über all die Erlebnisse von Menschen und Engeln, der gemeinsame Tanz, der Ewigkeiten währt. Während er sich bemühte,  seine Gedanken auf all diese Dinge zu richten, verstummte die dunkle Stimme mehr und mehr und seine Sinne wurden klarer.

Wie mit einem Messer abgeschnitten, war die Finsternis plötzlich vorbei. Die beiden Engel traten auf eine taunasse Wiese inmitten eines Frühlingswaldes. Die Vögel sangen ihr Morgenlied, die aufgehende Sonne brach sich in Abertausenden von Tautropfen und zauberte funkelnde Sterne auf alle Zweige und Halme.

Der Gegensatz zwischen Finsternis und Licht war so gewaltig, dass sie beide schweigend und staunend verharrten.

Endlich brach Amuel die Stille: „Das ist auch die Welt unseres Vaters“, sagte er. „Schau nur, wie schön sie ist. Sieh nur diesen Glanz auf allem, was ER erschaffen hat! Der Wald ähnelt wirklich unseren Wäldern!“

„So glaubst du jetzt nicht mehr, dass ER auch die Finsternis und den Abgrund erschaffen hat?“

Amuels Licht wurde plötzlich ziemlich rot. „Du hast es gehört?“, flüsterte er. „Du hast gehört, was diese Stimme gesagt hat?“

„Und dass du dabei warst, ihr zuzustimmen! Aber mach dir darüber keine Sorgen, sie versuchen alles, um uns vom Wege abzubringen.“

„Sie? Wer sind sie?“

„Vielleicht hätte ich es dir sagen sollen, aber ich wollte dich nicht zu sehr bedrücken, bevor wir die Finsternis überwunden haben. Manchmal ist Unwissenheit eine Hilfe.“

Raguel ging über die Lichtung und bleib vor einen Spinnennetz stehen, dessen einzelne Fäden über und über mit funkelnden Tropfen behangen waren.

„Sie waren einst Boten wie wir, aber sie haben sich von unseren Vater getrennt und sind der Vergänglichkeit unterworfen worden. Sie nehmen an, die Herren dieser Welt zu sein, sind aber viel eher ihre Sklaven geworden.“

„Ich habe nie geglaubt, dass es Boten gibt, die sich trennen. Und ich kann es auch jetzt nicht verstehen. Warum taten sie das? Wie kann es etwas Besseres geben als den Himmel? Wo gibt es mehr als das Leben?“

„Niemand, der nicht hier war, versteht das wirklich.  Du wirst es noch begreifen, wenn du die Menschen kennen lernst.  Und du wirst sie kennen lernen, das verspreche ich dir.“

Amuel hatte noch eine Frage und es fiel ihm sehr schwer, sie zu stellen. Das verwirrte ihn zusätzlich, denn ob Fragen richtig oder falsch, gut oder böse waren, darüber hatte er sich bisher nie Gedanken gemacht.

„Wer hat denn nun den Abgrund geschaffen?“, platzte er heraus. Raguel drehte sich um und sah ihn nachdenklich an.  „Es gibt Dinge, die selbst uns Engeln verschlossen sind“, begann er langsam. „Wenn wir glauben, dass unser Vater alles erschaffen hat, dann wird er auch das Dunkel und den Abgrund geschaffen haben.“

 Amuel sah seinen Begleiter entsetzt an, sein Licht flackerte heftig, doch Raguel fuhr fort: „Das ist mir keine Frage, doch ich weiß nicht, warum diese Welt nötig war. Warum gab es keinen anderen Weg, keine andere Möglichkeit, die Menschen zu retten, als sie zwischen Abgrund und Himmel anzusiedeln?  Aber ich glaube, dass all dies zu einem guten Ziel führt, und das genügt mir einstweilen.“

 

Sie betraten den Wald und gingen auf einem Weg, der sich in sanften Kurven um hohe Bäume herum wand. Nein, das ist eigentlich nicht richtig, denn sie betraten ja nichts und gingen auch nicht. Aber wie soll man die Bewegung von Engeln in der Welt der Menschen beschreiben? Ihre Lichtsäulen berührten keinen Grund, kein Grashalm geriet unter ihrem Dahingleiten in Bewegung, keines der Blätter der Bäume am Wegesrand zitterte auch nur ein wenig. Engel sind Wesen aus Licht vom Ursprung des Lichtes und haben keinen Anteil an der Welt der Stoffe.  Manchmal mögen sie menschliche Gestalt annehmen, doch immer sind sie dabei von einem Schein umgeben, der denen, die sie sehen durften, wie Flügel vorkommen mögen. Ihre wahre Gestalt aber ist den Menschen verborgen.

 

Vor einem Baum, der über und über mit Blüten bedeckt war, blieb Raguel auf einmal stehen.

„Sieh dich um!“, forderte er seinen Begleiter auf. „Was siehst du?“

„Ich sehe einen Baum, der in Blüte steht. Wenn auch die Farben viel blasser sind als in unserer Welt, so ist er doch von einer Schönheit, die mich an sie erinnert.“

„Schön. Und was siehst du noch?“

Amuel starrte angestrengt in den Wald. Endlich sagte er: „Eine Skulptur, ein seltsames Gebilde, es scheint aus Holz zu sein.“

Raguel nickte. „So könnte man es beschreiben. Es war einst ein Baum wie dieser hier, voller Blüten und voller Träume. Aber nun ist er vergangen, er ist nur noch eine tote Hülle. Alles vergeht in dieser Welt, vergiss das nicht!“

„Die Menschen vorhin, Raguel. Haben sie deshalb so seltsam ausgesehen, so zerknittert?“

Raguel lächelte, als er antwortete. „Zerknittert! Das würden sie gar nicht gerne hören. Sie nennen sich Senioren, aber sie sind einfach alt geworden. Ja, auch sie verfallen, wie dieser alte Baum hier. Aber nun komm!“

„Mir gefallen sie in der Herrlichkeit des Himmels besser“, murmelte Amuel, doch Raguel schüttelte den Kopf und meinte: „Sieh genau hin, Amuel! Sie sind auf ihre Art schön, weil sich all ihre Erfahrungen in ihren Gesichtern spiegeln.“

 

Bald wich der Wald zurück und gab den Blick auf ein kleines Dorf frei. Amuel sah voll Verlangen hinunter, war dies doch seine erste Begegnung mit der Welt der Menschen. Er sah die kleinen Häuser, den Rauch, der sich aus den Schornsteinen in den klaren Morgenhimmel wand, die Wiesen und Äcker, auf denen hier und da schon Menschen arbeiteten. Es war ein geradezu paradiesischer Anblick.

Raguel wies auf eines der kleinsten Häuser: „Dort unten wird unsere erste Begegnung sein, Amuel. Du sollst erfahren, welche Aufgaben wir Engel in dieser Welt haben. Danach verlangt dich doch, nicht wahr?“

Ohne seine Antwort abzuwarten, strebte der große Engel voran und Amuel blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

Das kleine Häuschen am Rande des Dorfes machte einen heruntergekommenen Eindruck. Der Garten war ungepflegt, Dornen und Unkraut hatten die Beete erobert, altes Laub bedeckte die Wege. Ein Fensterladen hing schief in den Angeln und die Fensterscheiben waren blind vor Staub und Dreck. Sie waren sicherlich seit Jahren nicht mehr geputzt worden.

Raguel trat ohne Zögern ein. Mitten in einer niedrigen Stube stand als fast einziges Möbelstück  ein hoher Lehnstuhl. In ihm saß ein älterer Mann in einem fleckigen Morgenrock. Als die Engel eintraten, hob er sein unrasiertes Gesicht und starrte in ihre Richtung, so als habe er ihr Kommen bemerkt. Seine Augen waren trübe, sein Blick seltsam verschleiert.

„Verdammt“, sagte er mit müder, heiserer Stimme. „Hört das denn niemals auf? Muss ich mir auch noch das letzte Bisschen Hirn wegsaufen?“  Seine rechte Hand tastete nach einer Flasche, die neben dem Sessel auf einen kleinen Tischchen stand.  Mit einer fahrigen Bewegung führte er diese Flasche an den Mund, trank einen großen Schluck und stellte sie mit einem Ruck wieder zurück. 

„Es geht nicht anders, da kann ich gar nichts machen, es geht ja nicht anders, nicht wahr?“

Amuel sah seinen Gefährten fragend an. Raguel schwieg, als warte er auf weitere Worte des Alten. Als dieser weiterhin schwieg,  sagte er: „Dieser Mann kämpft mit einer schweren Schuld, Amuel. Er hat vor vier Monaten seinen einzigen Sohn getötet.  Es war ein Unfall, aber das macht die Sache nicht leichter.“

Amuel versuchte, den Sinn dieser Worte zu begreifen. Es gelang ihm nicht. „Was ist das, ein Unfall?“, fragte er schließlich.

 „Ein Unfall ist ein Geschehen, das nicht vorgesehen ist, ein Geschehen, das Leben vermindert oder gar beendet, das Leid hervorruft, wo zuvor Freude war.“  Amuel, der Leid nur als einen Begriff aus der Botenschule kannte, musste weiterfragen: „Aber wenn sein Sohn jetzt an der Festtafel sitzt, dann könnte er sich doch freuen?“

Raguel seufzte. „Unsere Welt erscheint ihnen fern und unwirklich, ja, es gibt nicht wenige, die sie ganz leugnen.  Darum fällt ihnen der Abschied, wie sagen es sie, verdammt schwer.“

Amuel schwieg betroffen. Wie konnte es jemanden geben, der die höchste Form der Wirklichkeit leugnete?

Doch wie zur Bestätigung der Worte Raguels begann nun der Alte zu reden: „Warum? Warum, du Höchster? Du hast doch die Macht, sagen die Pfaffen!  Hättest du diesen Balken nicht ein klein wenig ablenken können? Hättest du den Schritt meines Buben nicht ein klein wenig hemmen können? Eine Sekunde hätte genügt! Warum musste er gerade in diesem Moment da unten durchlaufen? Warum habe ich diesen Balken genau in diesem Moment fallen lassen? Hättest du das nicht ändern können? Es gibt doch Schutzengel, oder? Wo wart ihr denn, ihr Schutzengel, habt ihr geschlafen?“

Amuel sah seinen Gefährten erschrocken an. „Stimmt das?“, fragte er mit zitternder Stimme, „hat jemand von uns etwas, etwas....“ Schon wieder fiel ihm das passende Wort nicht ein.

„Niemand hat etwas falsch gemacht, jedenfalls nicht in diesem Sinne“, antwortete Raguel. „Wir durften die Materie nicht lenken, das stand nicht in unserer Macht. Niemand von uns konnte diesen Balken aufhalten!“

„Aber was können wir dann in dieser Welt tun?“

„Unsere Macht, Amuel, ist vor allem die Macht der Gedanken. Wir können gute Gedanken in die Gehirne dieser Menschen hineinlegen, wir können sie auf Dinge aufmerksam machen, sie warnen, sie ermuntern oder auf Gefahren hinweisen.“

„Und das hat in seinem Fall niemand getan?“

„Oh doch, der Engel dieses Mannes hat mir davon berichtet.  Dieser Mann hatte, kurz bevor der Balken fiel, den Gedanken: „Pass doch auf, wirf ihn nicht so einfach da herunter!“ bekommen. Aber er hat diesen Impuls verworfen und lachend weitergemacht. Jetzt ist es umso schlimmer, denn er weiß sehr wohl, dass er diesen Gedanken hatte.“

Der Mann war verstummt. Er starrte auf das kleine Tischchen. Dort lag ein blankes Messer. Seine rechte Hand näherte sich zögernd der Waffe.

„Was tut der Mann? Was hat er vor?“, fragte Amuel.

„Er überlegt, ob er sein Leben beendet, ob er sich gewaltsam Zugang zum Jenseits verschafft.“

„Ist das der richtige Weg, ich meine, es ist doch nicht vorgesehen?“

„Nein, das ist es nicht, aber es ist seine Freiheit, Amuel. Die Menschen haben diese Freiheit, zu tun, was nicht vorgesehen ist.“

Amuels Gedanken überschlugen sich. Wie konnte ein Wesen etwas tun, was nicht vorgesehen war? Daraus konnte doch niemals Gutes entstehen!

Raguel erkannte seinen Gedanken und meinte: „Ja, das ist das Problem dabei. So ganz für sich genommen kann ich den Wunsch des Mannes verstehen. Ein Weg, all dem Elend und der Not zu entkommen! Ein Weg zum Vater. Aber es mag sein, dass er den Weg über die Brücke nicht findet, weil ihn seine Schuld in den Abgrund zieht. Unsere Feinde werden ihm einreden, dass er genau dort hingehört, dass er nichts anderes verdient hat. Komm, wir müssen ihn von seinem Weg abbringen!“

Amuel hatte keine Ahnung, was sein Gefährte vorhatte. Raguel näherte sich dem Alten, der mittlerweile das Messer ergriffen und es flach auf sein Handgelenk gelegt hatte.

Amuel hörte die Gedanken, die Raguel aussprach. Und er hörte zu seiner Überraschung auch die Antworten des Mannes.

„Willst du wirklich aufgeben?“

„Warum nicht? Was hält mich hier noch?“
“Das Leben. Deine Familie. Deine Freunde. Dein Hof,
der dein Lebenswerk ist. Er wird verfallen, wenn du jetzt gehst.“

„Das ist er doch schon. Ich kann nicht mehr, ich habe keine Kraft mehr.“

„Du willst nicht mehr. Es ist deine Entscheidung, nicht wahr?“
“Ja, klar. Meine Entscheidung! Ich komm doch nie mehr los davon, nie mehr.“

„Wovon kommst du nicht mehr los?“

„Warum quäle ich mich noch? Ein Schnitt und alles ist vorbei. Ich, ich habe das getan, ich habe meinen eigenen Sohn getötet!“

„Ja, das hast du. Du hast aus Unachtsamkeit sein Leben beendet.“

„Tag für Tag, Nacht für Nacht derselbe Gedanke. Vater! Was für ein Vater! Was soll ich noch in diesem Leben?“

„Du sollst vergeben lernen.“

„Was für ein abstruser Gedanke! Ich soll vergeben lernen! Wem soll ich denn vergeben?“

„Dir!“

„Mir? Wie sollte ich mir jemals vergeben können?“

„Gibt es sonst noch jemanden, der dich anklagt?“

„Meine Frau!“

„Wirklich? Hast du sie gefragt?“

„Wir haben nicht darüber gesprochen. Ich kann das nicht.“

„Hast du es jemals versucht?“

„Nein, das habe ich nicht. Sie würde mich verurteilen.“

„Bist du dir sicher? Sie liebt dich!“

„Sie? Nach dem, was ich getan habe? Das ist grotesk!“

„Ja, es ist seltsam. Aber sie liebt dich dennoch! Versuche mit ihr zu sprechen. Einmal wenigstens.“

 

Der Mann hatte das Messer wieder auf das Tischchen gelegt.  Er hatte sich vornüber gebeugt und barg seinen Kopf in beiden Händen. So verharrte er ganz still, bis seine Atemzüge ruhig und gleichmäßig wurden. Er war eingeschlafen.

 

„Komm, Amuel, wir haben unseren Auftrag hier erledigt!“

Der Angesprochene folgte nur widerwillig nach draußen.  Dort musste er Raguel sofort eine Frage stellen.

„Du glaubst wirklich, das ist erledigt? Und wenn er aufwacht und wieder zu diesem Messer greift?“ 
“Dann wird hoffentlich wieder jemand von uns da sein, Amuel. Nein, der Kampf um ihn ist noch lange nicht vorbei. Zuletzt wird er sich selbst entscheiden müssen. Wir Engel können niemanden zwingen, aber wir können Menschen das Licht bringen, nicht mehr und nicht weniger.“

„Wenn du schon von Vergebung sprichst, warum sagst du ihm nicht, dass unser Vater ihm vergeben hat?“
“Ich will nur die Botschaften weitergeben, die auch ankommen, Amuel. Wenn ich bei diesem Mann von unserem Vater rede, wird er nur Bitterkeit empfinden. Ich musste von jemandem reden, der ihm nahe ist. Jemand, nach dem er sich sehnt, auch wenn er dies jetzt nicht spüren kann.“

„Aber hättest du ihm nicht seine Schuld ausreden sollen?“

„Tue das niemals, Amuel! Er hat Schuld. Wenn er sie annimmt, kann er durch seine Schuld hindurch gehen. Wenn du ihn aber von seiner Schuld ablenkst, wird er nie lernen, die Vergebung des Vaters anzunehmen. Er wird immer davonlaufen.“

Amuel schwieg eine Weile und dachte nach. „Ein Problem“, sagte er schließlich. „Du hast dieses Wort verwendet. Was ist das, ein Problem?“

„Ein Problem ist etwas nicht Vorgesehenes, etwas, das die Ordnung dieser Welt stört und das Chaos vermehrt.“

„Also so etwas Ähnliches wie ein Unfall! Und wir sollen die Probleme aus dieser Welt schaffen?“
“Oh nein, Amuel, das können wir nicht. Nicht einmal unser Vater tut das. Die Menschen haben die Freiheit, Chaos zu erschaffen. Und wir haben alle Hände voll zu tun, daraus wieder etwas Sinnvolles werden zu lassen.“

 

Raguel wandte sich um und glitt aus der Tür. Amuel blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Er hätte doch noch so viele Fragen gehabt!

 

 

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